Berliner Zeitung 19.06.2023: Fischsterben in der Oder: Wiederholung der Katastrophe immer wahrscheinlicher

Wie von Umweltwissenschaftlern prophezeit, wiederholt sich das Fischsterben des vergangenen Jahres in der Oder. Die Wassertafel beleuchtet in einem Artikel für die Berliner Zeitung die Ursachen.   – Zum Lesen der online-Version des Artikels bitte hier anklicken.


Frankreich: Der Kampf ums Wasser. Artikel in der Juniausgabe der SoZ

In Frankreich formiert sich aufgrund des spürbaren Wassermangels Widerstand gegen die Aneignung, die Vernutzung und Verseuchung des Trinkwassers. Die SoZ (Sozialistische Zeitung) veröffentlicht dazu einen Artikel in ihrer Juniausgabe – zum Lesen bitte hier anklicken.


Artikel zum 1. Mai 2023 in der SoZ

Die Ansiedlung Teslas in Grünheide wurde trotz der ungeeigneten Standortwahl innerhalb von Naturschutzgebieten, der Zerstörung eines geschlossenen Waldgebietes und der möglichen Gefahren für das Trinkwasser von Politik und Behörden mit dem Argument vorangetrieben, dass Tesla der grösste Arbeitgeber in Brandenburg werden könnte. Die Autorin Heidemarie Schroeder ging anlässlich des 1. Mai der Frage nach, wie es mit der Qualität der hohen Quantität von Arbeitsplätzen in Grünheide aussieht. Der Artikel erscheint in der Maiausgabe (Heft 5) der Sozialistischen Zeitung (SoZ). Zum Lesen des Artikels im Maiheft der SoZ bitte hier klicken.

 

Fotos unten: Die Bürgerinitiative Grünheide, die seit 3 Jahren gegen den Tausch eines Wald- und Seengebiets gegen Grossindustrie in Grünheide kämpft, war zusammen mit anderen Klimaaktivitsen bei der Demonstration anlässlich des 1. Mai im Grunewald dabei. Das Motto der Demonstration, an der 7.000 Menschen teilnahmen, lautete: „Reichtum Wird Abgeschafft“, das der Grünheider „Rettet unser Trinkwasser, kauft keine Teslas“. Gerade betuchte Bürger, wie sie im Grunewald leben, meinen ihr ökologisches Gewissen entlasten zu können, indem sie auf grosse und luxuriöse batteriegetriebene Automobile umsteigen. Diese Rechnung geht nicht auf – sie geht zu Lasten unserer Umwelt.


POLNISCHE PRESSESCHAU 12.04.2023

Als eine „Kloake in kritischem, aber stabilem Zustand“ wird die Oder in der polnischen Zeitschrift Polityka 16-2023 beschrieben. Norbert Kollenda übersetzt regelmässig Artikel aus der Polnischen Presse ins Deutsche, sie sind in der SoZ (Sozialistischen Zeitung) nachzulesen. Auf Publikationen der Polnischen Presse, die sich mit dem kritischen Zustand der Oder und ihren Ursachen beschäftigen, weisen wir in Abständen auf unserer Webseite hin. Hier der erwähnte Artikel in voller Länge:

Wird der kommende Frühling und Sommer die Reste des Lebens in ihr vernichten?

Es heißt, dass Fische keine Stimme haben. Doch die Tausende von Tonnen Fischkadaver, die im vergangenen Jahr aus der Oder gefischt wurden, regten zum Nachdenken an. Heute kennen wir die Bilanz der Verluste.

Damals starben 50 Prozent der Fische, 85 Prozent der geschützten Arten und etwa 90 Prozent der Weichtiere in dem vergifteten Fluss. Dies sind keine Schätzungen von Ökologen, sondern Daten, die von Wissenschaftlern des der Regierung unterstellten Instituts für Binnenfischerei in Olsztyń erhoben wurden. Es dauert viele Jahre, bis solche Arten heranwachsen wie diese, die dann tot aus dem Wasser gezogen wurden.

Aber wer glaubt, dass die Probleme vorbei sind, dass es reicht, den Fluss wieder aufzufüllen und abzuwarten, der irrt. Professor Robert Czerniawski, ein Hydrobiologe von der Universität Stettin, wiederholt immer wieder, dass die Katastrophe noch nicht vorbei ist. In welchem Sinne? Die an den Sperren herausgefischten Fische stellten nur einen kleinen Teil der toten Masse dar. Der Rest sank auf den Grund und zersetzte sich, wodurch günstige Bedingungen für das Gedeihen unerwünschter Organismen geschaffen wurden. „Es wird warm werden, der Stoffwechsel wird sich beschleunigen und es wird zu Blütenbildung kommen“, zeichnet der Wissenschaftler das Szenario.  Glücklicherweise liegt in den Bergen Schnee, so dass mehr Wasser zur Verfügung steht, um diese Verbindungen, die den Fluss düngen, zu verdünnen.

Das Stettiner Haff ist ein Puffer für die Ostsee. Hier kam das verrottende Wasser zuerst an. Die Wissenschaftler wissen nicht, wann die Ladung in die Pommersche Bucht gelangen wird – in diesem oder im nächsten Jahr? Sie wissen auch nicht, wie es den Wasserstand in diesem Teil der Ostsee beeinflussen wird.

Der Sinn eines schnellen Fischbesatzes im Fluss ist fraglich. „Die Fische brauchen eine Nahrungsgrundlage, die sie derzeit nicht haben“, sagt Prof. Czerniawski. „Wenn wir jetzt aufstocken, besteht ein 50-prozentiges Risiko, dass wir Geld verschwenden. Wir wissen, dass Abwässer eingeführt werden. Die Oder ist eine Kloake in einem stabilen, aber kritischen Zustand“.

Das sieht und spürt man: Die Pensionen entlang des Flusses sind wie leergefegt.

Was belastet die Goldalgen?

Die Ergebnisse der Analysen der Proben, die am 29. November 2022 im Jachthafen von Gliwice am Gleiwitzer Kanal entnommen wurden, beschrieb Dr. Bogdan Wziątek, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des polnischen Anglerverbands, der das parlamentarische Team für die Sanierung der Oder berät, auf Facebook: „Wir haben natürlich angenommen, dass die Situation nicht rosig ist. Der Kanal wird mit Wasser unterschiedlicher Herkunft aus Teilen Schlesiens gespeist, so dass man kaum erwarten kann, dass das Wasser darin kristallklar ist. Leider haben die Testergebnisse gezeigt, dass es nicht schlecht ist, sondern einfach nur tragisch“.

Der Salzgehalt (Leitfähigkeit) hatte einen ähnlichen Wert wie der des Wassers im Atlantik. Der kombinierte Chlorid und Sulfatgehalt betrug 3295 mg pro Liter. Dies ist mehr als das Dreifache der geltenden Abwassernorm von 1.000 mg/l für beide Salzarten zusammen. „Daher kann man mit Sicherheit sagen, dass dieser Abschnitt des Kanals, in dem die Proben genommen wurden, im Prinzip kein Oberflächenwasser mehr ist, sondern reines Grubenwasser“, schloss Dr. Wziątek. Schlimmer als zum Zeitpunkt des Massensterbens.

In den Proben wurden auch Goldalgen gefunden, ohne dass eine spezielle Suche durchgeführt wurde. Der vorläufige Bericht eines vom Minister für Umwelt und Klima eingesetzten Teams von mehreren Dutzend Personen über die Situation an der Oder (30. September 2022) machte diese Algen für die Katastrophe verantwortlich. Algen brauchen Salzwasser zum Leben. Unter Stress setzen sie einen Stoff frei, der für Fische und Weichtiere tödlich ist. Die Umstände, unter denen dies geschieht, sind nicht klar und eindeutig geklärt. Der Abschlussbericht liegt noch nicht vor. Er ist angekündigt worden. Zuletzt für den März.

Diejenigen, die sich für dieses Thema interessieren, stellen ihre eigenen Hypothesen auf. Einige glauben, dass die Goldalgen in salzhaltigem und erwärmtem stillstehendem Wasser die besten Bedingungen für ihre Vermehrung vorfinden. Und Stress entsteht, wenn sie mit dem süßeren Wasser des Flusses, in den die Stauseen münden, in Berührung kommen. „Es muss sich um stark blühendes Wasser aus einem Stausee gehandelt haben“, sagt Dr. Lukasz Weber, ein Spezialist für Umwelttechnik, über die Ursachen der letztjährigen Katastrophe. „Niemand überwacht diese blütenreichen Stauseen. Eine US-Behörde ist der Ansicht, dass dies in Zukunft zu ernsteren Problemen führen wird“.

Fließend im Salz

Weber erregte die Aufmerksamkeit der Medien, weil er sehr früh die Hypothese aufstellte, dass nicht Quecksilber, sondern eine Art von Algen oder Cyanobakterien die Fische in der Oder vergiften. Und dann präsentierte er blitzschnell Berechnungen, die dem Laien deutlich machten, wie viel Salz den Fluss hinunterfließt. Dabei ging er von der Leitfähigkeit aus, also davon, wie viel höher diese ist als der angenommene natürliche Wert der Oder. Er kam zu dem Ergebnis, dass der Fluss zwischen dem 16. Oktober und dem 9. November 2022 zusätzlich 6.000 Tonnen Salz (Chloride und Sulfate) pro Tag transportierte. Das sind 120 Kohlewaggons mit einer Kapazität von 50 Tonnen. Über 140.000 Tonnen Salz in 24 Tagen.

Salz kann auch aus kommunalen Kläranlagen stammen. Laut Dr. Weber leitet eine Stadt mit 25.000 Einwohnern etwa 1.000 Tonnen Salz pro Jahr ein. Die Hauptquelle ist jedoch die Industrie, insbesondere der Bergbau. Der Bergbau unter Tage kann nicht funktionieren, ohne große Mengen Wasser abzupumpen. Je tiefer ein Bergmann abbaut, desto salziger wird es. Man schätzt, dass ein Drittel des Salzes in der Oder und zwei Drittel in der Weichsel landen. Der Transport dieser wenigen Millionen Tonnen Salz pro Jahr kann als eine Schuld der Bergbauindustrie gegenüber den Flüssen angesehen werden. – Bis Krakau ist die Weichsel so salzig, dass ihr Wasser unbrauchbar ist“, berichtet der Hydrologe Mariusz Czop, Professor an der Krakauer Universität für Wissenschaft und Technik AGH. – Besser wird es erst, wenn sie mit dem San zusammenfließt, der das Wasser der Weichsel verdünnt.

„Die Weichsel hat doppelt so viel Wasser wie die Oder“, sagt Prof. Czerniawski. „Sie kommt damit zurecht. Aber auch nur bis zu einem gewissen Punkt. Irgendwann bricht diese ökologische Widerstandsfähigkeit zusammen“.

In der Weichsel sind noch keine Goldalgen gefunden worden. Da aber auch hier die Bedingungen für ihr Wachstum günstig sind, glaubt man, dass es nur eine Frage der Zeit ist.

Nur ein Bergwerk in Polen nutzt eine Entsalzungsanlage. Sie gehört der Jastrzębska Spółka Węglowa (JSW), der es gut geht, weil sie Kokskohle abbaut. Die Geschichte der Entsalzungsanlage geht – wohlgemerkt – auf das Jahr 1974 zurück (sie wurde in den 1990er Jahren mit amerikanischer und schwedischer Technologie modernisiert). Offensichtlich wollte Gierek zeigen, dass ein Pole das auch kann. Anscheinend gab es so etwas nirgendwo in Europa, denn Europa hat aus Kostengründen Minen geschlossen, wo der Abbau schwierig, unrentabel und zu umweltschädlich wurde. Und Polen hat immer noch Probleme damit.

Die Entsalzungsanlage verarbeitete zunächst Wasser aus dem Bergwerk Dębieńsko (geschlossen) und jetzt aus dem Bergwerk Budryk. Jährlich werden hier ca. 70.000 Tonnen hochwertiges Speisesalz gewonnen. Anstatt in den Fluss Bierawka zu gelangen, wird das Salz auf den Markt gebracht. Krzysztof Baradziej, Präses der zu JSW gehörenden Wasserwirtschafts- und Rekultivierungsgesellschaft, macht keinen Hehl daraus, dass die Erlöse aus dem Salz derzeit nicht einmal die Kosten für den im Entsalzungsprozess verwendeten Strom decken. Grob gesagt, kostet diese ökologische Lösung das Bergwerk Budryk dreimal mehr, als wenn es wie die anderen von PGWiR betriebenen Bergwerke (sieben Bergwerke von drei verschiedenen Unternehmen in unterschiedlicher finanzieller Lage) an den Olza-Fluss angeschlossen wäre.

Diese Bergwerke hatten keinen ausreichend großen Fluss in der Nähe, der mit Abwasser gefüllt werden konnte. Die Lösung war der bereits erwähnte Sammelbecken der Olza – eine Reihe von Reservoirs, die auf dem Gelände des ehemaligen Bergwerks Moszczenica gebaut wurden, und ein dazugehöriges Rohrleitungsnetz. Die Becken können rund 1 Million Kubikmeter Abwasser aufnehmen. Sie werden im Gebiet von Krzyżanowice in die Oder eingeleitet. Der Abfluss wird durch mathematische Modelle gesteuert. „Wenn die Wasserführung im Fluss hoch und der Salzgehalt niedrig ist, leiten wir unsere Sole ein“, berichtet Präses Baradziej. „Wenn der Fluss wenig Wasser führt und bereits salzig ist, pumpen wir wenig oder gar nichts. Bei der Kapazität der Stauseen können wir sogar bis zu einem Monat ohne Abpumpen auskommen. Dieses System verhindert eine übermäßige Versalzung. Vorausgesetzt, die Dürre hält nicht zu lange an, wie Experten für den Klimawandel warnen“.

Zum jetzigen Zeitpunkt sieht Geschäftsführer Baradziej keine bessere Lösung als die Messung des Abwassers. Für die Einleitungen zahlt das Unternehmen 12-13 Mio. PLN pro Jahr (die so genannte Umweltgebühr) an die polnische Wasserbehörde. Bei 5 g pro Kilogramm Chloride und Sulfate (50 PLN pro Tonne). Das bedeutet, dass aus den an den Olga-Sammler angeschlossenen Bergwerken 260.000 Tonnen Salz in die Oder fließen. Offenbar würde man das in Budryk auch so sehen, aber da kommt die Entfernung zum Kollektor ins Spiel: 35 km. Die Verlegung der Leitung durch ziemlich dicht bebautes Gebiet erscheint heute unrealistisch. Es sei denn, man führt sie nach Vorgaben aus.

Als tote Fische in der Oder schwammen, gehörte der Olza-Sammlbecken zu den Verdächtigen.

„Ich weiß nicht, ob wir diese Goldalge haben, aber dieser Hinweis beunruhigt uns“, sagt Baradziej. Sie selbst haben nicht danach geforscht.

Den Umweltverschmutzern nicht zu nahe treten

Die Versalzung von Flüssen zahlt sich einfach aus. Daraus macht der Kupferriese KGHM (drei unterirdische Kupferminen) keinen Hehl: „Derzeit gibt es keine alternative Methode zur Bewirtschaftung überschüssiger Grubenwässer, die sowohl umweltfreundlich als auch wirtschaftlich vertretbar ist.“ Das heißt, umweltfreundlich und gleichzeitig billiger als die Salzabgabe.

Das Unternehmen beschreibt detailliert, wie der Stausee „Żelazny Most“ funktioniert und wie überschüssiges Wasser aus der Bergwerkstechnik in die Oder eingeleitet wird. Es ist stolz darauf, dass es bei der Beantragung der wasserrechtlichen Genehmigung dosierte Einleitungen beantragt hat, was – wie wir lesen – „ein Ausdruck besonderer Sorgfalt seitens der KGHM ist, da die von den Umweltbehörden erteilten wasserrechtlichen Genehmigungen die Menge der eingeleiteten Schadstoffe in der Regel nicht von den vorherrschenden hydrologischen Bedingungen abhängig machen“.

Im Gegensatz dazu blieb die Anfrage der POLITYKA, wie viel Salz KGHM jährlich in die Oder einleitet und wie viel sie dafür bezahlt, unbeantwortet. Und das nicht durch Unterlassung. Es wäre interessant zu wissen, in welchem Verhältnis dieses Geld zum Nettogewinn des Konzerns steht (im Jahr 2021 – 6,2 Mrd. PLN).

Dr. Krzysztof Berbeka, Professor an der Jagiellonen-Universität (Institut für Finanzen und Managementökonomie), der seit Jahren die Wirksamkeit des Umweltgebührensystems analysiert, räumt ein, dass die derzeitigen Sätze für Chloride und Sulfate so niedrig sind, wie sie nicht niedriger nicht sein könnten. Sie sind einfach nur symbolisch. Außerdem wurden sie im Falle der Minen nicht durchgesetzt und sind nach fünf Jahren verjährt. – Die Gebühren seien bewusst niedrig gehalten, um den Verursachern nicht „weh zu tun“, folgert er. Er rechtfertigt dies ein wenig. Weil die Entsalzung teuer und energieintensiv ist, weil der Staat die Verursacher im Interesse der Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft vor zu hohen Ausgaben geschützt hat.

„Luft und Wasser sind gleichermaßen lebensnotwendig, aber die Bedeutung von sauberer Luft ist in das Bewusstsein der Menschen eingedrungen, während es bei Wasser schwierig ist, den Durchbruch zu schaffen“, stellt Prof. Robert Czerniawski fest. „Bei der Luft hat sich ein gesellschaftlicher Druck aufgebaut. Im Gegensatz dazu ist die Sorge um den Zustand des Wassers unvergleichlich geringer. Die Oder-Katastrophe – das Bild der auf dem Bauch schwimmenden Fische – hat natürlich einen Schock ausgelöst. Aber eher ein vorübergehender. Es ist einfach passiert, es ist vorbei, vielleicht kommt es nicht wieder“.

Hinhaltetaktik

Das Fehlen eines starken Drucks in Bezug auf die Sauberkeit der Gewässer macht es den Regierenden leichter, in Trägheit  Tatenlosigkeit zu verharren. Dies zeigte sich am 7. Februar 2023 bei einer Sitzung des parlamentarischen Umweltausschusses, die im Zusammenhang mit dem erneuten Anstieg der Salzwerte in der Oder einberufen wurde. Man würde aber auch gerne endlich erfahren, was aus den zahlreichen Untersuchungen, aus den Versprechungen, die im Sommer 2022 auf dem Höhepunkt der öffentlichen Aufregung gemacht wurden, geworden ist. Nun, es ist nicht wirklich etwas dabei herausgekommen. Es gab viele Zahlen, die beweisen, dass die Beamten unermüdlich arbeiten. PGW Wody Polskie zählte die Abflüsse, durch die Abwasser in die Flüsse gelangt – legale und illegale. Die Umweltschutzinspektion prüft Anlagen, die über eine wasserrechtliche Genehmigung für die Einleitung von Salzabwasser verfügen. Sie überprüfte 339 von ihnen und kam zu dem Schluss: „Die Situation an der Oder wurde nicht durch die Aktivitäten der jeweiligen Anlage verursacht“.

Die Überprüfung der wasserrechtlichen Genehmigungen soll im März abgeschlossen werden. Es gab jedoch keine ständige Überwachung der Oder unter Berücksichtigung grundlegender Parameter wie in Deutschland. Auf Nachfrage erklärte Marek Gróbarczyk, Staatssekretär im Ministerium für Infrastruktur, das formell für den Zustand der polnischen Gewässer zuständig ist, dass dies im April dieses Jahres geschehen werde. Experten sind der Meinung, dass dies in Anbetracht der Notsituation innerhalb eines Monats, also erst im Sommer 2022, hätte geschehen können. Das Wasser wird durch die Überwachung nicht sauberer, aber man weiß sofort, wenn etwas schief läuft.

Gróbarczyk zog es vor, sich auf das noch im Entwurf befindliche Gesetz zu konzentrieren. Es ist jedoch bekannt, wie schnell die PiSer Legislative handelt, wenn der politische Wille vorhanden ist. Dieses Spekulationsgesetz wurde vom Minister bereits im August 2022 angekündigt. Nach neuen Erklärungen soll der Entwurf Mitte dieses Jahres in den Sejm kommen. Er soll alles Erdenkliche enthalten: von der Nachrüstung von GIOŚ (Zentrale Inspektion des Umweltschutzes) und OSP (Feuerwehr) mit Überwachungsgeräten über Investitionen im Odereinzugsgebiet in Kanalisations- und Kläranlagen (Bau neuer, Erweiterung oder Modernisierung alter Anlagen), höhere Strafen für wasserwirtschaftliche Verstöße und finanzielle Anreize zur Verringerung der Salzwassereinleitungen bis hin zur Schaffung einer speziellen Wasseraufsichtsbehörde – wahrscheinlich ein Reservoir an neuen Stellen.

Es gibt keine Bereitschaft, der Oder wirklich zu helfen, die Weichsel zu schützen. Man will abwarten, das Problem verschleiern. Die Frage nach einem Notfallplan für den Fall einer toxischen Algenblüte im Jahr 2023 blieb unbeantwortet.

Übersetzung: Norbert Kollenda mit Hilfe von https://www.deepl.com/translator


Die Wassertafel stellt sich vor: David gegen Goliat

Die Wassertafel bekam aktuell (Dezember 2022) die Gelegenheit, sich in der Sozialistischen Zeitung, welche monatlich erscheint, zu präsentieren. Die SoZ titelte in ihrer Rubrik „Wir stellen vor“: DAVID GEGEN GOLIATH:

Die Wassertafel Berlin-Brandenburg hat mit Tesla einen harten Gegner – es ist aber nicht der einzige
von Heidemarie Schroeder

Im Südosten Berlins hat vor einem halben Jahr die Gigafactory von Tesla ihre Produktion aufgenommen. Das Tesla-Areal ist Wasserschutzgebiet, so dass das Anlegen von Bohrungen und das Hantieren mit wassergefährdenden Stoffen per Gesetz verboten sind. Eigentlich, denn für Tesla gelten andere Regeln.

Die Region zählt zu den wasserärmsten Deutschlands, die Wasserknappheit wird sich durch die nächsten Ausbaustufen Teslas sowie nachziehende Industrie verschärfen. Da Tesla keine Kreislaufwirtschaft betreibt, wird Abwasser anfallen, dessen Verbleib Probleme mit sich bringen wird.
Tesla verschärft somit die schon bestehenden Probleme um die Quantität und Qualität unseres Trinkwassers. Deshalb entzündete sich hieran der Widerstand von Wasseraktivis­t:innen. Wasser kennt keine Landkreis- und keine Ländergrenzen. Wenn Teslaabwässer im Müggelsee und damit im grössten Reinwassserspeicher Berlins landen, ist das Trinkwasser der Berliner gefährdet. Wenn fehlendes Wasser aus anderen Teilen Brandenburgs beschafft werden muss, wird der dort bestehende Wassermangel verschärft. In diesem Bewusstsein schlossen wir uns zusammen und deshalb gibt es seit eineinhalb Jahren die Wassertafel Berlin-Brandenburg.
Wir haben als Gruppe keine feste Struktur, aber wir haben Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen in Reichweite, so dass unsere Arbeit auf solidem Wissensfundament steht. Mitglieder unserer Initiative haben bereits in anderen Zusammenhängen Erfolge erzielt (z.B. 660000 Unterschriften gegen die Teilprivatisierung der Berliner Wasserbetriebe, oder Berlin wurde »Blue Community«), so dass wir als Gesprächspartner ernst genommen werden.
Im Moment unserer Gründung standen die Einwendungen im Genehmigungsverfahren im Vordergrund, die wir zahlreich und inhaltsschwer erhoben haben. Auch wenn es deprimierend war, dass das Genehmigungsverfahren durch die Schaffung von Tatsachen auf dem Baufeld zur Farce degradiert wurde, und auch wenn die »Rechtssicherheit« der Genehmigung wohl nur dank der Einwendungen zustande kam, war diese Arbeit wichtig.
Als der damalige Kanzlerkandidat Armin Laschet das Teslawerk besuchte und Elon Musk die Frage einer Reporterin nach einem Wassermangel mit einem Lachanfall beantwortete, hatten wir, als Berliner Bär und Elon Musk verkleidet, eine Aktion vor dem Brandenburger Tor. Das amüsierte »Does this seem like a desert to you?« Elon Musks nahmen wir zum Anlass für einen gemeinsamen Abend mit Wissenschaftlern und Künstlern, um unsere Themen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.
Verschiedene Perspektiven einzunehmen und Grenzen zu überschreiten, ist vom Zeitpunkt unserer Gründung an unser Anliegen, und so solidarisieren wir uns mit Aktiven aus anderen Teilen der Welt wie Chile, Guatemala oder Portugal. In diesen Ländern wird Wasser für den Abbau von Lithium oder Nickel vernutzt und vergiftet und die Menschen so ihrer Lebensgrundlage beraubt. Am Weltwassertag, dem 22.3.2022, demonstrierten wir mit diesen Aktivist:innen am Teslawerk und der Kontakt zu ihnen hält an.

Wir sind am Ball
Am Beispiel Teslas erarbeiteten wir uns das Thema Greenwashing. Der Saal im Berliner Haus der Demokratie und Menschenrechte war gut gefüllt, als der ehemalige Mobilitätsexperte von Greenpeace seinen Vortrag über E-Mobilität hielt.
Mit einer recht spektakulären Aktion vor dem Roten Rathaus forderten wir im Dezember 2021 den Senat auf, Verantwortung zu übernehmen und sich den Themen Wasservergeudung, Grundwassergefährdung und Verunreinigung von Spree und Müggelsee durch die Ansiedlung von Großindustrie im Berliner Südosten zu widmen. Die Umweltsenatorin lud uns als Antwort zu einem Gespräch ein. Wir erinnerten sie daran, dass Berlin 2018 Blue Community geworden ist und damit eine besondere Verantwortung für das Wasser übernommen hat. Wir forderten, bei allen Neubauprojekten – und erst recht bei industriellen Grossprojekten – die Wiederverwendung benutzten Wassers zur Bedingung von Genehmigungen zu machen. Auch die Notwendigkeit und Möglichkeiten von mehr Trinkwasserbrunnen in der Stadt, kostenfreien Toiletten und der Bewässerung von Stadtgrün sprachen wir an.
Im August dieses Jahres lud Tesla uns, dem Druck von Bürgerinitiativen folgend, zu einer Geländebegehung ein. Das Ergebnis war nicht eine Aufweichung unserer Positionen, sondern eher die Bestätigung unserer Ablehnung: Eine Auto- und Batteriefabrik gehört nicht in ein Trinkwasserschutzgebiet!
In einem Gespräch fragten wir den Vorstand des lokalen Wasserverbandes, wie er steigende Bedarfe bei geringerer Grundwasserneubildung decken und industrielle Abwässer entsorgen will, ohne Trinkwasser zu gefährden. Inspektionen vor Ort und Analysen auf der Basis geohydrologischer Fakten zeigen, dass die Prinzipien nachhaltigen Wirtschaftens schon seit langem verletzt werden.
Die Umweltkatastrophe an der Oder gegen Ende des Sommers bestätigte, wie aktuell diese Themen in ganz Brandenburg sind und wie dringend eine politische Intervention ist. Da Politiker:innen sich bisher unfähig zeigen, Änderungen herbeizuführen, die an die Ursachen gehen, illustriert das Fischsterben in der Oder nicht nur die Mühseligkeit unserer Arbeit, sondern auch ihre absolute Notwendigkeit.
Die Themen für unsere Arbeit werden uns also auch in Zukunft gewiss (und leider) nicht ausgehen. Was wir zusammen mit anderen Initiativen und Verbänden bisher erreicht haben, ist eine beginnende Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Gefährdung unseres Wassers.

Heidemarie Schroeder ist Mitglied in der Bürgerinitiative Grünheide sowie im Verein für Natur und Landschaft in Brandenburg
www.wassertafel.org


Energie-Umwelt-Verkehr: Wird eine Lagerhalle zur Batteriefabrik?

Im Genehmigungsverfahren für die Tesla-Gigafactory gibt es sehr viele Besonderheiten. Eine sehr spezielle Besonderheit ist es, dass Tesla sich den Bau einer Lagerhalle genehmigen liess, die sie dann zu einer Batteriefabrik „umwidmeten“. Es liegt auf der Hand, dass der Betrieb einer Batteriefabrik in einem Wasserschutzgebiet sehr viel kritsischer zu sehen ist, als der einer Lagerhalle.

Ein Artikel von Dr. Heidemarie Schroeder in lunapark21 Heft 06/2021


Klima und Kapital: Tesla in Grünheide

Die Gigafactory Tesla wird in Grünheide aufgrund von Zulassungen zum vorzeitigen Baubeginn erstellt. Das Genehmigungsverfahren, das eigentlich die Erlaubnis zum Bau der Fabrik geben sollte, wird so durch die Schaffung von Tatsachen auf dem Baufeld zur Farce.

Ein Artikel von Dr. Heidemarie Schroeder in lunapark21 Heft 03/2021


Tesla und das Grundwasser: die giftige Gefahr

Die Wochenzeitschrift „Stern“ veröffentlicht aktuell einen Artikel unter dem Titel „Tesla und das Grundwasser: die giftige Gefahr“. In diesem Artikel beziehen die Autoren sich auch auf die Rundfahrt über das Teslagelände, an der am 25.08.2022 auch Vertreter der Wassertafel Berlin-Brandenburg teilnehmen konnten (siehe unter „Was wir machen“). Die Bedenken, die die Wassertafel von Beginn der Errichtung der Gigafactory hegte und die durch die „Rundfahrt“ nur vertieft wurden, bestätigen lt. dieses Artikels auch die Recherchen des „Stern“. 

Hier der link zum Artikel:

https://www.stern.de/wirtschaft/teslas-giftige-gefahr-und-die-angst-um-das-grundwasser-in-gruenheide-32761662.html


Naturkundlicher Ausflug ins Löcknitztal

03.09.2022: Naturkundlicher Ausflug ins Löcknitztal

Der Redakteur der Berliner Zeitung Jens Blankennagel hat den Naturschützer Jörg Gelbrecht in das Löcknitztal begleitet. Er findet sich dort, so nahe an der Millionenstadt Berlin, in der „größten anzunehmenden Vielfalt an Grün“. Jörg Gelbrecht, der jahrzehntelang als Wissenschaftler im Leibnitz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischrei gearbeitet hat, sieht durch Tesla mit dem direkt angrenzenden Löcknitztal ein Moorgebiet gefährdet, welches eines der artenreichsten und vielfältigsten Feuchtbiotope im gesamten Norden Deutschlands ist. 

Man muss schon ein wenig um die Ecke denken, damit einem Habecks „Klimaschutz vor Artenschutz“ einfällt, aber dies ist die Begründung: Auch tonnenschwere batteriegetriebene E-Autos sollen angeblich CO2 sparen und damit das Klima schützen. Wenn dafür ein grünes Paradies zerstört wird, gar in Mooren gespeichertes CO2 freigesetzt wird, ist dies nur ein Kollateralschaden. 

„Der reiche Mann und das Moor“, zu lesen in der Berliner Zeitung vom 03.09.2022 unter  

https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/elon-musk-und-das-moor-li.262823


POLNISCHE PRESSESCHAU 25.08.2022

Hat die Oder außerdem ganze Periodensystem noch H2O  Onet.pl 25.08.2022

Fische haben keinen Sauerstoff. Wie Jacek Harłukowicz und Paweł Pawlik von Onet herausfanden, wurden lange vor dem großen Fischsterben in den Nebenflüssen der Oder, insbesondere im Gleiwitzer Kanal und im Fluss Kłodnica, Stickstoff-, Chlorid, Natrium-, Kalium, Eisen-, Sulfat und Quecksilbergehalte festgestellt, die über allen Normen lagen. Dies ist auf die unkontrollierte Einleitung von Abwässern aus nahe gelegenen Fabriken zurückzuführen.

Die gleichen Verdächtigen. Seit Tagen werden Verdachtsmomente gegen die Panzerfabrik Bumar-Labędy am Gleiwitzer Kanal und gegen Bergwerke geäußert, die „hellbraun gefärbte“ Abwässer in den Fluss Kłodnica einleiten. Harłukowicz und Pawlik erhielten von der Kattowitzer Inspektion für Umweltschutz eine Bestätigung dieser Verdachtsmomente. Wody Polskie und die Staatsanwaltschaft, die die Ermittlungen führt, geben keine Auskunft. Es handelt sich wahrscheinlich um eine Art Staatsgeheimnis.

Vor einer Woche haben wir in Onet darüber berichtet, dass eines der Unternehmen, die für einen Beitrag zu dem Projekt in Frage kommen (aber nicht müssen), das Unternehmen „Bumar-Labędy“ aus Gliwice ist. Nach den Informationen, die uns das Unternehmen seinerzeit zur Verfügung gestellt hat, wurde „Ende Juli“ – und damit lange bevor die Frage der Vergiftung des Flusses landesweit bekannt wurde – nach Hinweisen auf eine mögliche Verschmutzung des Gleiwitzer Kanals, der mit der Oder verbunden ist, durch Bumar von Beamten der Woiwodschaftsinspektion für Umweltschutz in Kattowitz inspiziert.

Dies geschah am 28. Juli, also zwei Wochen bevor die Sache ruchbar wurde. Am 3. August hat Magda Gosk, die stellvertretende Chefin der Oberinspektion für Umweltschutz die Woiwoden von Oberschlesien, Oppeln und Niederschlesien benachrichtigt.

Darin schreibt Gosk von „Informationen, die der Hauptinspektion für Umweltschutz über tote Fische im Kanal von Gliwice (Woiwodschaft Schlesien) und an der Oder in der Woiwodschaft Oppeln sowie auf der Höhe der Stadt Oława in Niederschlesien vorgelegt wurden“. Außerdem werden die Regierungsvertreter vor Ort angewiesen, „diese Angelegenheit unter besondere Beobachtung zu stellen und Maßnahmen zu ergreifen, um die Ursachen des Vorfalls zu klären und den Verursacher einer möglichen Wasserverschmutzung zu ermitteln“.

Am 18. Juli erhielt die WIOŚ (Hauptinspektion für Umweltschutz) eine Mitteilung von der regionalen Wasserwirtschaftsbehörde in Gliwice. Darin wird erwähnt, dass „etwa ein Dutzend toter Fische und kleine Mengen ölähnlicher Substanzen“ am dort gefunden wurden.

Bereits am 24. März gingen bei der städtischen Feuerwehrzentrale in Gliwice und bei der staatlichen Wasserwirtschaftsbehörde Wody Polskie Meldungen über Ölflecken im Kanal ein. Dennoch gelingt es dem WIOŚ nicht, das Vorhandensein der Substanz im Kanal zu belegen. Wie uns der GIOŚ mitteilte, hat Bumar eine Genehmigung zur Einleitung von Abwasser mit einem Stickstoffgehalt von bis zu 30 mg/l (Milligramm pro Liter). Ein Test am 18. Juli zeigte jedoch, dass dieser Parameter mit 56 mg/l fast doppelt so hoch war.

Bereits am 21. April  wurden Proben vom Pumpwerk entnommen, das in dem Gebiet um Gleiwitz ehemalige Kohlezechen entwässert. Bei einer im Pumpwerk Gliwice entnommenen Probe wurden Überschreitungen der zulässigen Konzentrationen von Natrium, Kalium und Eisen festgestellt“, berichtet Katarzyna Zielonka.

Weitere Meldungen über Verunreinigungen kamen bereits am 25. April in Gleiwitz zu tage, ….

Prof. Marcin Drąg von der Technischen Universität Wrocław sagte vor einer Woche zu Onet: „Die ersten Meldungen von Anglern Ende Juli lauteten, dass eine Welle von etwa 30 cm auf dem Fluss war. Dies würde auf eine große Menge eines Stoffes hindeuten, der das Fischsterben verursacht hat. Es könnte eine Salzmischung gewesen sein. Es könnte sich um einen Abfluss aus einem Bergwerk handeln, dessen Grubenwasser extrem salzhaltig ist. Es könnte aber auch von einem Industriebetrieb verursacht worden sein. Salze sind nicht nur Natriumchlorid, das wir vom Kochsalz kennen, sondern auch giftige Stoffe wie Kaliumcyanid.

Das entsprechenden Institut in Katowice hat im Kanal Gliwice  bei einem der durchgeführten Tests am 11. August festgestellt, dass der zulässige Quecksilbergehalt in den Gewässern um mehr als das Vierfache überschritten ist.

Eine offizielle Erklärung gibt es nicht: „Aufgrund der laufenden Verfahren von Behörden wie der Polizei und der Staatsanwaltschaft stellt Wody Polskie in Gliwice die Schlussfolgerungen nach der Inspektion nicht zur Verfügung […] Wody Polskie in Gliwice ist nicht befugt, im Namen Dritter zu sprechen.“

 

 

Lasst die Oder ein Nationalpark werden                                            Wyborcza.pl 24. 08. 2022

 

Gerade jetzt, wo die Oder schwere Schäden erlitten hat, ist ein guter Zeitpunkt, die Diskussion über die Ausweisung des Unteren Odertals als Nationalpark wieder aufzunehmen. Es wird in naher Zukunft keine bessere Gelegenheit geben.

Jeder in Polen hat schon einmal vom berühmten Białowieza-Urwald gehört. Dasselbe gilt für das Biebrza-Tal oder das Bieszczady-Gebirge. Sie sind Ikonen der polnischen Natur,

Anlässlich der Umweltkatastrophe an der Oder tauchte jedoch ein Name in den Medien auf, den einige – und es würde mich nicht wundern, wenn die meisten – wahrscheinlich zum ersten Mal gehört haben: Dolina Dolnej Odry- Das Untere Odertal. Dieses Gebiet in Westpommern erstreckt sich von Cedynia bis zur Odermündung bei Roztoka Odrzańska, dem südlichsten Teil des Stettiner Haffs.

Vögel sind die charismatischsten Bewohner des Unteren Odertals. Ungefähr 250 Arten kommen hier vor. Für viele von ihnen ist dies ein wichtiges Gebiet während ihrer saisonalen Wanderung. Hier wurden Konzentrationen von Gänsen und Kranichen von 20.000 bzw. 13.000 Individuen beobachtet. Hier lebt die weltweit bedrohte Sumpfrohrsängerin. Es gibt auch Raubvögel: Seeadler, Fischadler, Milane (Rot- und Schwarzmilan), Rohrweihen (Korn- und Wiesenweihe) und Sumpfohreulen.

Das deutsch-polnische Projekt für den Nationalpark Untere Oder  wurde Anfang der 1990er Jahre ins Leben gerufen. Es wurde auf Initiative des deutschen Ministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, unter Beteiligung der brandenburgischen Landesbehörden und mit Zustimmung des polnischen Ministeriums für Umwelt, natürliche Ressourcen und Forstwirtschaft entwickelt. Die Hauptentwickler des Projekts waren – auf deutscher Seite – Prof. Michael Succow und – auf polnischer Seite – Prof. Mieczysław Jasnowski.

Es ist nicht zu erwarten, dass eine solche Forderung von der jetzigen Regierung aufgegriffen werden kann. Die PiS hat bereits mehrfach bewiesen, dass sie keine naturverbundene Partei ist. Es ist auch nicht zu erkennen, dass sie ein großes Interesse daran hat, die Ursachen der aktuellen Katastrophe zu erklären, die sie seit langem verdächtig heruntergespielt hat. Das Problem liegt auch darin, dass die Regierung die Oder in erster Linie als einen Fluss mit industrieller und nicht mit natürlicher Bedeutung betrachtet. Sie sieht darin – um es mit den unverblümten Worten von Hannah Neumann, Europaabgeordnete der deutschen Grünen, zu sagen – „einen Verkehrsweg oder einen Abwasserkanal“.

Aber die Macht der PiS wird irgendwann zu Ende sein.

 

Eine Kloake voller Lügen

überschreibt die Polityka ihre Titelseite zum Umgang

der PiS mit der Katastrophe an der Oder

 

Der Kommentator schreibt, dass bei der Katastrophe an der Oder das ganze Land wie in ein Spiegelbild in der Ideologie und Praktiken der PiS schauen kann. Kaczyński ist der Überzeugung, dass alle Macht zentral gesteuert werden muss. So gründete er Woda Polska (Polnisches Wasser), dass mit 6.000 Beschäftigten den Wasserkopf bildet und die Kommunen kein Mitspracherecht bei dem Umgang mit den Gewässern haben. Dazu wurde durch Meinungsverschiedenheiten in der Vereinigten Rechten Wody Polskie dem Ressort Infrastruktur und nicht Klima und Umwelt zugeteilt. Dazu wurden die Inspektoren für Umweltschutz den Woiwoden unterstellt. So konnte die Oder, die durch einige Woiwodschaften fließt, den Inspektoren entkommen.

Zu diesen organisatorischen Chaos kam die ideologische Überzeugung, dass der Umweltschutz eine Form der linken Hysterie sei, die aus dem Westen kam. Polnische Flüsse sollten dagegen Wasser – Autobahnen sein. Erst jetzt scheint bemerkt zu werden, dass Dienste des Umweltschutzes nicht der Situation angepasst sind und es fehlt eine Koordinierung. Die Umweltministerin Moskwa, deren Mann Chef bei Wody Polskie ist, will jetzt dafür 250 Mill. PLN ausgeben.

Ein weiteres Problem ist die Zentralisierung der Regierung. Alles dreht sich um den Präses, für seine Satelliten geht es um Sein und Nichtsein. Diesen wird sich die Frage stellen, wer überbringt dem Präses die schlechten Nachrichten? Als er es schließlich erfuhr, gab er ihnen zu verstehen, dass es ihre Sache sei und er zu einem späteren Zeitpunkt seine Entscheidung bekannt geben wird. Also haben sie die Schuld hin und her geschoben, wer wann was erfahren, gemacht oder weiter geleitet hat.

Die Opposition und verschiedene Organisationen und Ökologen haben versucht der Sache auf den Grund zu gehen. Aber sie scheiterten an dem Informationsmonopol der Regierung, der Unzuverlässigkeit der Staatsanwaltschaften, die unter dem Kuratel des Justizministers stehen. Unparteiische Beobachter haben keine Möglichkeit an Informationen zu kommen. Die Regierung wirft für die Bürger mit unverständlichen „Untersuchungsergebnissen“ um sich und verweist auf die Opposition, die auch Abwässer in Flüsse geleitet hätte, um schließlich alles für ein natürliches Ereignis zu erklären.

„In der Zwischenzeit versickert die Katastrophe langsam in der Ostsee und wir werden wahrscheinlich nie wieder etwas über ihre Ursachen erfahren. Aber ihr Verlauf und ihr Ausmaß zeigen, dass es zweifellos zu einem massiven Zusammenbruch des Systems eines Staates gekommen ist, der von einer zersetzenden, giftigen Politik zerfressen wurde“ endet der Kommentar des Chefredakteurs  Jerzy Baczyński.

 

Elżbieta Polak Woiewodin von Lebus: „Niemand hat die Menschen gewarnt. Die PiS hat den Komunen die Kompetenzen entzogen, gründete Wody Polskie und jetzt erfahren wir auf schmerzhafte Wiese, was eine Zentralisierung bewirkt.“

 

Die Oberste Kontrollkammer NIK:  „Chaos bei Wody Polskie von Grund auf. Ohne entsprechenden finanziellen Mitteln, ohne qualifizierter Mitarbeiter, ohne entsprechender Koordination bei der Übernahme der kommunalen Einrichtungen und einer nachlässigen Arbeitsweise.“

Erst einen Monat nach dem Erhalt der ersten Informationen und dem Druck durch die Medien hat von Wody Polskie P. Daca von einer Katastrophe gesprochen. Daca wurde abgesetzt und sein Stellvertreter, der auch nichts unternommen hatte, wurde sein Nachfolger!

 

Die Unfähigkeit des Staates: Prof. Janusz Zaleski, ehemaliger Woiwode von Wrocław, der das Programm Oder 2006 nach der Oderflut entwickelte: „In den 25 Jahren haben wir nicht gelernt, dass es sehr wichtig ist rechtzeitig zu warnen. Die polnische Regierung hat diesen Grundsatz jetzt einfach ignoriert. Das haben die Personen versäumt, die die entsprechenden Posten innehaben.

Mit Ironie kommentiert er die rechte Erzählungen über eine Sabotage: „Ich hatte schon erwartet, dass schließlich die Russen schuld sind. Aber wenn es eine Sabotage gewesen wäre, dann um so peinlicher für den Staat, der die Saboteure so lange gewähren ließ!“

Hier zeigt sich nach seiner Meinung und der des Politologen R. Chwedoruk der Uni Warschau der autokratische Charakter der Regierung, wo alle vorhandenen Mittel ad absurdum geführt werden, weil der Präses allein entscheidet. Aber keine Ereignisse können die Regierung vertreiben, denn sie hat das Monopol auf die Medien und nutzt sie für propagandistische Zwecke.

 

Premier lügt: Die Oder erholt sich                                                        

OKO.press 25.08.2022

 

„Wir können sehen, dass alle Arten von apokalyptischen Informationen über den Tod der Oder definitiv verfrüht waren. Ich bin sehr froh darüber, dass sich die Natur sehr schnell erholt.“ sagte Premierminister Morawiecki auf einer Pressekonferenz mit Blick auf die Oder. In Stettin (Szczecin) fehlt es dem Wasser an Sauerstoff, und die Angler fangen immer noch tote Fische.

Der Optimismus des Premierministers ist überraschend, denn gerade erst wurde entdeckt, dass die mögliche Ursache der Katastrophe Goldalgen sind, die in polnischen Flüssen bisher nicht vorkamen. Dies könnte jedoch nur eine Komponente des gesamten Problems sein. Außerdem ist immer noch nicht geklärt, wie das salzhaltige Wasser in die Oder gelangt ist und diese Pflanzen zum Wachsen gebracht hat.

„Die Oder erholt sich sicherlich nicht“, kommentiert Dr. Sebastian Szklarek, Ökohydrologe am Europäischen Regionalzentrum für Ökohydrologie der Polnischen Akademie der Wissenschaften und Autor des Blogs World of Water. „Denn diese Organismen, die in der Oder untergegangen sind, werden nicht wie in Fantasyfilmen mit einem Fingerschnippen auftauchen. Ich vermute, dass es dem Premierminister darum ging, die Wasserindikatoren wieder in den Zustand vor der Katastrophe zu versetzen. Das Problem ist jedoch, dass beispielsweise die Leitfähigkeitsindikatoren bereits vor der Katastrophe überschritten waren, so dass die Algen eine Chance hatten zu wachsen. Ich wiederhole: Es handelt sich nicht um eine Erholung und schon gar nicht um eine Rückkehr zu einem natürlichen Zustand“, erklärt er.

 

PiS nicht in der Lage einen effektiven Staat zu schaffen                     

Przegląd, 22. 08. 2022

 

Die Vergiftung der Oder ist eine große ökologische Katastrophe! Dies ist wichtig klar zu stellen. Wer allerdings dem Staatsfernsehen TVP Info glaubt, wird der Auffassung sein, dass es sich um eine Kleinigkeit handelt, ein paar Fische tot – na und?

Fakt ist auch, dass Kaczyński kraft und saftlos ist. Er versuchte zwar den Deutschen die Schuld zuzuschieben, aber sein Narrativ verfing nicht.

Wie ist es des weiteren möglich, dass die Oder über Wochen im Sterben lag, dutzende Tonnen toter Fische geborgen wurden und all PiS Leute, die die Verantwortlichen auf allen Ämtern und  Ebenen sind, taten so, als ob nichts zu sagen wäre, außer den üblichen Verdächtigen die Opposition, Tusk, die Deutschen an Pranger zu stellen. TVP Info: „Tusk hat zusammen mit den Deutschen die Oder vergiftet, um die PiS Regierung zu stürzen!“ Nun könnte es ja sein, dass die Oder aufwärts fließt…

Aber ein Staat kann nicht auf der Grundlage von Kumpeln, Bekannten und Verwandten aufgebaut werden. Übrigens der Schwiegervater des Ministers für Staatsvermögen betont, dass er in seiner Position nicht als Verwandter benannt werden darf. Schließlich sei er als Schwiegervater ja nicht blutsverwandt!

Ein Staat hat die PiS geschaffen, bei dem der Wille des Parteichefs über den Gesetzen steht und der nach seinem Gutdünken Ämter vergibt oder gar neue Ämter schafft.  Versager und faule Menschen werden immer Probleme bereiten. Heute ist es die Oder, morgen kommt eine neue Katastrophe, dabei ertönt wieder das Geschrei, dass Feinde Polens diesem nur Schlechtes wünschen.